KW 32 | Violet Truelove nominiert von Any Swan

Challange

 

 

viola

Violet Truelove

1. Rostlaube 2. Mondphase 3. Flasche 4. Zigeuner 5. Papierflieger 6. Zunge 7. Treppenstufe 8. Muschel 9. Sand 10. Lagerfeuer 11. Tafelsilber 12. Polizei 13. Baumstumpf 14. Pferdeschwanz 15. Fliegenklatsche

 

Lindsay fasste ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und warf einen Blick auf ihren schlafenden Mann. Warden lag auf dem Bauch und wieder einmal konnte die Autorin ihr Glück nicht fassen, mit ihm verheiratet zu sein und sein Kind zu erwarten. Er sah zum Anbeißen aus und Lindsay musste sich mühsam davon abhalten, ihm nicht mit der Fliegenklatsche einen Hieb auf seinen knackigen Hintern zu geben. Sie biss sich auf die Zunge, um bei der Vorstellung, wie ihr Liebster daraufhin reagieren würde, nicht laut loszulachen.
Sie liebte Wardens Temperament, auch wenn es manchmal extrem nervig sein konnte, da er immerzu mit dem Kopf durch die Wand musste. Erst gestern hatten sie wieder eine lange Diskussion darüber gehabt, weshalb er unbedingt ein neues Auto brauchte und warum seine ‚Rostlaube’ es keinen Tag länger machen würde. Lindsay hatte sich unnachgiebig gezeigt, denn seinen Traumwagen – sein Weihnachtsgeschenk – hatte sie bereits vor Monaten geordert.
Sie griff zur Flasche auf dem Nachttisch und entdeckte eine wunderschöne Muschel, die Warden dort allem Anschein nach für sie platziert hatte. Lindsay lächelte versonnen und trank einen großen Schluck Wasser, ehe sie sich ans Aufstehen machte. Ihr gewaltiger Babybauch behinderte sie dabei, doch wegen ihres schmerzenden Rückens hielt sie es einfach nicht länger im Bett aus. Dabei hatte sie wegen der Mondphase, in der sie sich befanden, sowieso kaum geschlafen. Warden war der Meinung, dass der Vollmond keine Auswirkungen auf das Schlafverhalten hatte, doch was wusste er schon. Er schlief ohnehin so gut wie nie und war die halbe Nacht am Strand gewesen. Zum Glück war er nicht direkt ins Bett gekommen, sondern hatte erst den Geruch des Lagerfeuers und den Sand mit einer heißen Dusche von seinem durchtrainierten Körper gespült. Lindsay war, was Gerüche betraf, noch immer extrem empfindlich und neigte zur Übelkeit.
Sie stieg die Treppenstufen hinunter und entdeckte Aiden auf dem Sofa. Offensichtlich hatte er es – nach der langen Party – nicht mehr nach Hause geschafft. Na ja, eine wirkliche Party war es nicht gewesen. Eher ein gemütliches und spontanes Zusammensein der Männer. Lindsay war eine Weile bei ihnen gewesen, doch für eine Hochschwangere war es ungemütlich auf einem Baumstumpf zu sitzen, den das Meer an den Strand geschwemmt hatte. Natürlich hatte Warden – weil er absolut perfekt war – vorgeschlagen, ihr einen Liegestuhl von der Terrasse zu holen, aber da sie die einzige Frau am gestrigen Abend gewesen war, hatte sie beschlossen, sein Angebot abzulehnen. Wären Hope und Vera dabei gewesen, hätte sie es sicherlich angenommen, aber so beschloss sie ihrem Mann und seinen Freunden einen Männerabend zu gönnen. Schließlich würden sie in Kürze Eltern werden und dann war das wilde und unabhängige Leben, das sie führten, erst einmal für eine geraume Weile vorbei.
Lindsay widerstand der Versuchung, eine Decke über dem schlafenden Fotografen auszubreiten und die unzähligen Papierflieger, die die Männer irgendwann gebastelt haben mussten, aufzuräumen und schlich stattdessen Richtung Arbeitszimmer. Aiden würde womöglich aufwachen und dann war es mit ihrer freien Zeit vorbei. Sie hatte Warden eigentlich versprochen, weniger zu arbeiten, doch irgendwie wollte ihr das nicht gelingen. Ihr graute davor, wie es sein würde, wenn das Baby erst da wäre. Lindsay liebte das Schreiben und konnte sich ein Leben ohne nicht vorstellen. Sie machte den Computer an und setzte sich an ihren Schreibtisch. Als erstes widmete sich Lindsay ihrem Schützling. Schon vor einer geraumen Weile war sie ein Author-Wing geworden und unterstützte Autoren, die an ihrem ersten Buch arbeiteten. Das Mädchen, das sie betreute, war erst sechzehn Jahre alt. Sie besaß einen großartigen Wortschatz und einen sehr gefühlvollen Schreibstil, leider war der Story an sich anzusehen, wie jung und unerfahren ihr Schützling war. Es ging um ein 18-jähriges Mädchen, einen Zigeuner, gestohlenes Tafelsilber und einen Cop.
Natürlich war die Polizei dem Zigeuner, er war der Freund des Mädchens und ein absoluter Bad Boy, nach einem Einbruch schnell auf den Fersen und das Mädchen verliebte sich letztendlich in den Cop.
Lindsay regte ihren Schützling dazu an, die Charaktere vielschichtiger zu gestalten, denn Menschen waren nie nur gut oder böse, und mit Klischees zu brechen, ehe sie sich die Rezensionen zu Veras neustem Roman, einer süßen Novelle über einen Millionär und seine ungelebten Träume, ansah.
Mit dem Eintritt in die Top 100 gingen auch immer negative Bewertungen einher und da Lindsay wusste, wie sehr Vera ursprünglich darunter gelitten hatte, schrieb sie ihr eine PN über Facebook, als sie sah, dass es eine 1-Sterne-Rezi gab.
Veras Antwort kam umgehend: „Schon, okay 😉 Lieb, dass du fragst, aber die Rezi hat mir gestern sogar irgendwie den Tag gerettet.“
Lindsay schickte Vera als Antwort lediglich ein Fragezeichen, woraufhin Vera erklärte: „Habe mir die anderen Rezis angeschaut und gesehen, wem sie fünf Sterne für seinen Roman gegeben hat. Danach konnte ich den Kritikpunkt ‚primitive Sprache’ irgendwie nicht mehr ernst nehmen und dann war halt auch klar, dass es bloß eine Rezi war, die mich treffen und wegen der ich mich schlecht fühlen sollte.
Tja, der Schuss ging wohl nach hinten los. Selten so gelacht. Made my day!“
Lindsay gluckste belustigt und dachte daran, dass es schon so war, wie Warden immer sagte: Alles hat seinen Sinn!

 


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