KW 36 | Medusa Mabuse nominiert von Dietmar Hesse

Challange

Es ist Samstag, Zeit für eine neue Kurzgeschichte aus der #IndieAutorChallenge.
Heute hat sich die bezaubernde Kollegin Medusa Mabuse meiner fünfzehn Wörter angenommen, und daraus eine  spannende  Kurzgeschichte geschrieben.

1. Aster – 2. Cocktail – 3. Liegestuhl – 4. Aufzug – 5. Ratte – 6. Kekse – 7. Postkarte – 8. Kunstwerk – 9. Lapislazuli – 10. Visitenkarte – 11. Handschellen – 12. Himmelbett – 13. Hase – 14. Kaktus – 15. Schlangenlinie

Medusa Mabuse

 

 

Träge blinzelnd schlug Liliana die Augen auf, als sich der Ober dezent räusperte und ein Tablett auf das Tischchen neben ihren Liegestuhl stellte.
»Verzeihung, Miss. Mit besten Wünschen von dem Herrn an der Bar«, erklärte er steif.
Ihr Blick huschte über den Pool hinweg zu dem Pavillon, um den sich einige Hotelgäste versammelt hatten. »Von wem genau?«, fragte sie nach, obwohl sie bereits ahnte, wer ihr den Cocktail spendiert hatte.
»Der Herr ganz links«, bestätigte der Kellner ihre Annahme. »Möchten Sie ihm eine Nachricht zukommen lassen? Hier, er hat seine Visitenkarte beigelegt.«
Der Mann war ihr schon heute Morgen beim Frühstück aufgefallen. Eine Augenweide, der die Blicke vieler Frauen, sogar Männer anzog. Geschmeidig bewegte er sich durch den Saal und nahm am Nebentisch Platz.
Nach dem ersten Schluck Kaffee sah er sich um und grüßte freundlich herüber: »Guten Morgen. Auch alleine hier?«
Plump, sehr Plump, befand Liliana, und gab lediglich ein sprödes »Morgen« zurück, ehe sie übereilt den Frühstückssaal verließ.
Danach war er ihr noch einmal in der Lobby über den Weg gelaufen. Er trat in dem Moment aus dem Aufzug, als sie daran vorüberging, um am Empfang eine Postkarte abzugeben. Sie konnte gerade noch mit einem Schritt zur Seite verhindern, dass er sie umrannte. Dieses Manöver beförderte sie allerdings in einen Pflanzkübel, der neben dem Fahrstuhl platziert, und mit wundervoll duftenden Astern bestückt war.
Es war ihr peinlich, denn üblicherweise war sie nicht so tollpatschig. Er hingegen besaß die Frechheit sie auch noch auszulachen.
»Sie können von Glück reden, dass dies kein Kaktus war«, verspottete er sie.
Liliana sah wütend zu ihm auf, verkniff sich jedoch eine bissige Antwort. Stattdessen ließ sie ihn stehen und ging nach draußen an den Pool, wo sie die nächsten Stunden ungestört war.
Offenbar plagte ihn nun sein Gewissen, weil er sich ihr gegenüber so flegelhaft benommen hatte. Warum sonst sollte er ihr einen Drink ausgeben? »Richten Sie ihm meinen Dank aus«, wandte sich Liliana an den Ober, der noch immer auf eine Antwort wartete. Gedankenverloren sah sie ihm hinterher und betrachtete den Mann genauer, über den sie sich so geärgert hatte. Er sah wirklich gut aus und passte genau in ihr Beuteschema. Etwas an ihm, ließ jedoch ihre Alarmglocken schrillen. Wobei sie nicht einmal sagen konnte, was das war.
Liliana hatte nicht den Ruf, ein Kind von Traurigkeit zu sein. Ein Schäferstündchen mit ihm in ihrem Himmelbett im Hotelzimmer konnte sie sich durchaus vorstellen. Das wäre eine willkommene Abwechslung. Der Ferienort war langweilig und lag weitab von Attraktionen. Eine Gegend in der sich Fuchs und Hase gute Nacht zu sagen schienen. Der Altersdurchschnitt der Gäste lag bei etwa 70 Jahren und das auch nur, weil Liliana gerade mal Anfang dreißig war.
Seufzend blickte sie auf ihre Armbanduhr. In ungefähr einer Stunde würde sie auf ihr Zimmer gehen, sich zurecht machen und mit Karl, einem rüstigen Senior, zu Abend essen. Er war einer der Gäste, die des milden Klimas wegen dauerhaft im Hotel wohnten.
Noch immer starrte sie den Mann an. Dies wurde ihr jedoch erst bewusst, als er sich näherte. Wieder ärgerte sich Liliana über ihn, denn er grinste frech und setzte sich ungeniert auf den Liegestuhl neben sie.
»Ich habe Ihren Geschmack genau getroffen.«
Fragend schaute sie ihn an.
Er wies auf das Glas in ihrer Hand und merkte lachend an: »Sie haben es fast auf Ex ausgetrunken.«
»Wäre schade drum gewesen«, konterte sie spitz, stellte es auf den Tisch, griff nach ihrer Strandtasche und stand auf. Der Alkohol zeigte Wirkung. Das war auch kein Wunder, denn seit dem Frühstück hatte sie nichts gegessen. Der Boden schwankte und mit ihm Liliana. Nur die schnelle Reaktion des Fremden verhinderte, dass sie stürzte. Doch statt ihm zu danken, fauchte sie ihn an, »Nicht anfassen!« und ließ ihn stehen.
So würdevoll wie möglich schritt sie zum Hotel. Liliana folgte dem Weg, der sich in Schlangenlinien durch die Poollandschaft zog, was es nicht gerade einfach für sie machte. Als sie schließlich in ihrem Zimmer ankam, stürzte sie zur Minibar, entnahm ihr eine Wasserflasche und leerte sie in einem Zug. Auf keinen Fall konnte sie Karl so gegenübertreten. Was sollte er denken, wenn sie Sturzbetrunken auftauchte? Kaffee, überlegte sie und fischte nach einem Tütchen Fertigpulver neben dem Kühlschrank. Daneben lagen auch einige Kekse. Dies und ein Duschbad sollten sie in einen akzeptablen Zustand versetzen.
Eine Stunde später hatte Liliana wieder einen annähernd klaren Kopf. Beim Essen würde sie auf Alkohol verzichten, sonst könnte sie den Plan vergessen. Bevor sie das Zimmer verließ, holte sie ein etwa faustgroßes, in Seidenpapier eingewickeltes Päckchen aus dem Safe und verstaute es in ihrer Handtasche.
Den ganzen Abend lauschte Liliana aufmerksam Karls Erzählungen. Er war weit herumgekommen, hatte viel erlebt und gab einige Geschichten zum Besten. Der alte Mann hörte sich gerne reden und Liliana lenkte das Gespräch immer wieder auf seine Schätze, die er im Laufe der Jahre angehäuft hatte. Sie schmeichelte ihm und endlich hatte sie ihn soweit. Er war bereit, ihr seine Sammlung zu zeigen.
Galant reichte er ihr seinen Arm und führte sie hinaus aus dem Hotel, hinüber zu seinem Bungalow. Liliana war derart aufgeregt, weil sie sich bereits am Ziel sah, dass sie fürchterlich erschrak, als eine Ratte ihren Weg kreuzte. Sie hasste diese Tiere, denn sie erinnerten sie daran, wo sie herkam. Aus einem Dreckloch und dorthin wollte sie nie wieder zurück.
Karl legte einen Arm um sie. Er sprach beruhigend auf sie ein, während er die Tür öffnete und sie hereinbat. Er war ein Gentleman. Liebenswert. Fast tat es Liliana leid zu tun, was sie vorhatte. Doch dann sah sie es.
Das Faberge Ei. Der Grund ihres Hierseins. Es war ein Kunstwerk, gefertigt aus einem ausgehöhlten Lapislazuli, der mit Gold und Diamanten verziert war. Mit zitternden Händen tastete sie über ihre Handtasche. Sie musste Karl ablenken, um das Original durch die Fälschung zu ersetzen.
Karl leistete unterdessen ungewollt Beihilfe. »Ich hole uns erst einmal etwas zu trinken. Dann zeige ich Ihnen alles. Setzen Sie sich und machen es sich bequem, meine Liebe.«
Leise huschte Liliana zur Vitrine. Mit einer Hand öffnete sie die Glastür, mit der anderen fischte sie nach dem kleinen Päckchen in ihrer Tasche. Bevor sie es jedoch zu Tage befördern konnte, spürte sie Metall an ihrem Handgelenk und hörte das Klicken von Handschellen. Wütend schnellte sie herum und sah sich dem Fremden gegenüber, der nun auch ihre andere Hand packte.
»Liliana Radescu, Sie sind verhaftet. Onkel Karl, alles in Ordnung. Du kannst hereinkommen.«

 

 


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