»Schatz, ich gehe mit dem Hund raus. Wenn ich zurückkomme, frühstücken wir!« Ohne ihre Antwort abzuwarten, schloss ich die Tür. Sam, unser treuer Jack Russel, umkreiste meine Beine zweimal. Er legte den Kopf schief, dann schaute er mich fragend an. »Ja, jetzt ist der Morgenspaziergang dran!« Die Melodie von Lady in Black summend, schlenderte ich gut gelaunt Richtung Fluss. Sam inspizierte den Container vom Nachbarn, schnupperte und setzte eine Duftmarke. »Komm bei Fuß, es ist Brutzeit, da ist Leinenpflicht!« Gehorsam trotte er heran und ließ sich anleinen. Wir erreichten den Feldweg am Ortsende, wo er aufmerksam jedes Grasbüschel untersuchte. Nur als ein Frosch vor seiner Nase quakend in den Bach hüfte, blieb er überrascht stehen. »Ist gut, der tut dir nichts! Weiter gehts!« Ich genoss diese Spaziergänge in der Natur. Die Luft, der Blick über die Wiesen bis zur alten Windmühle einen Kilometer entfernt, das Gezwitscher der Vögel, wunderschön. Ich sah mich schon mit Block und Federmäppchen bewaffnet zurückkommen, um das in einer Zeichnung festzuhalten. Sam hatte endlich den Platz für sein Geschäft gefunden. Das verstaute ich gleich zur Entsorgung in der Papiertüte. »Ab, nach Hause, das Frühstück wartet!« Am Gartenzaun wurden wir von einem Lichtblitz überrascht. Der plötzlich aufkommende Wind zusammen mit einem lauten Donner ließen mich zum Himmel schauen. Da zog ein gewaltiges Gewitter auf. Die Rollläden am Fenstergiebel schepperten unüberhörbar. Jetzt aber ab in die gute Stube! Ich öffnete die Tür und Sam zwängte sich vorbei. Er wollte so schnell wie möglich in seinen Hundekorb. Dort legte er die Schnauze auf die Vorderpfoten und sah herzerweichend herüber. »Ist ja alles in Ordnung, kleiner Racker.« Meine Stimme beruhigte ihn, er gähnte und schloss die Augen. Als ich die Küche betrat, lag der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee in der Luft. Was hatte ich doch für ein Glück, dass diese bezaubernde Frau mir mit so viel Liebe zur Seite stand. Ich trat hinter sie und legte ihr die Arme um die Schultern. »He, vorsichtig, ich verbrenn mich noch!« »An mir?« »Nein, du Trottel! An der heißen Pfanne!« Lächelnd drehte sie sich um und gab mir einen dicken Kuss. »Da zieht ein Unwetter auf, ich sollte die Rollläden herunter lassen, sonst entführt die der Wind.« »Nix da, erst wird gefrühstückt! Mike ist im Bad, die Rühreier mag er doch besonders gerne.« Unser Sohn, mein ganzer Stolz. Er war so musikalisch, wie ich es mir in jungen Jahren gewünscht hatte, zu sein. Die Töne, die er aus der Geige zauberte, einfach schön. »Hi Mum, Morgen Paps, das duftet aber!« Er setzte sich. »Ich habe einen Riesenhunger!« »Schapp dir schon mal ne Semmel, die Eier sind gleich soweit! Thomas, setz dich!« Tja, auch das war meine Frau. Sie hatte uns im Griff. »Was steht denn heute auf dem Plan? Draußen sieht es ja nicht so toll aus.« Fragend schaute mich Mike an. »Eigentlich wollten wir dir einen neuen Geigenkasten besorgen, doch bei dem Wetter ist mir mehr nach einem gemütlichen Spieletag. Meinetwegen an der PlayStation. Du hast Ferien, ich den ersten Urlaubstag, nur Mama ruft der Laden. Die Entscheidung überlasse ich dir, oder werfen wir eine Münze?«. »Cool, ich Zahl, du Kopf, der Gewinner entscheidet! Aber … nee, lass uns spielen. Portal wäre toll, da geht es nicht ohne Nachdenken.« »Tja, muss leider los, ihr wisst ja, die kranken Kollegen. Habt viel Spaß, ich bin bald wieder daheim.« Claudia schaute etwas bedrückt. Ich stand auf, nahm sie fest in den Arm und gab ihr einen langen Kuss. Die eigenartigen Laute in meinem Rücken überhörte ich geflissentlich. »Bringst du nachher das Fahrtenbuch aus dem Auto mit rein, ich muss da noch was nachtragen?« »Klar doch, Tschüss ihr zwei, macht euch einen tollen Männertag.« Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und setzten uns vor sie Konsole. Konzentriert gingen wir die gestellten Aufgaben an. Mal hatte er die zündenden Idee, manchmal ich den lösenden Ansatz! Sie überraschte uns schon vier Stunden später und sah in strahlende Gesichter. Wir bestanden die Herausforderungen der Portale mit Bravour.
Als alleinerziehender Vater war es für mich nicht leicht. Job, Haushalt, und Kinder unter einen Hut zu bringen, ohne dass irgendwer zu kurz kam, glich dem Tanz auf einer Rasierklinge.
Morgen war der erste Ferientag. Ich hatte für uns eine familienfreundliche Sommerresidenz in Italien gebucht. Im Urlaub wollte ich mit den beiden Rackern die Zeit zu dritt genießen.
Vorher sollten sie noch verwöhnt werden. Die zwei liebten Fischstäbchen, dass solche lukullischen Raffinessen für Kinder in der Vollpension enthalten sind, bezweifelte ich. Für die gleich daheim geplante Raubtierfütterung fehlten mir einige Zutaten.
Gerade rechtzeitig vor Ladenschluss betrat ich den Supermarkt und eilte durch die Gänge. Süßigkeiten für die lange Fahrt landeten im Einkaufswagen. Eine frische Zahnbürste, Deo und Mundwasser folgten. Wer hatte mir den Urinstein-Reiniger auf das Haribo Konfekt gelegt? Zurück ins Regal damit! Bezahlen und hurtig zu meinen Liebsten.
Auf dem Heimweg hatte ich nur ihre strahlenden Gesichter vor Augen. Verdammt! Die Radarfalle kannte ich doch! Warum dann der Blitz? Ein Blick auf den Tacho ließ mich aufatmen. Nur sieben Kilometer zu schnell!
Daheim angekommen, blieb ich im Flur stehen und lauschte. Nichts … diese Stille war unheimlich! Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Kinderzimmer.
Lächelnd drehte sich Mira um und hob den Zeigefinger an ihre Lippen.
»Sie schlafen, das war ein aufregender Tag für die zwei«, flüsterte sie mir zu. »Nach dem Mittagsschlaf haben sie mich an den Marterpfahl gebunden. Ich sollte die gefangene Squaw spielen. Später hatten wir eine gewaltige Kissenschlacht. Sie haben auf mir gesessen und gegrölt!«
»Was ist mit Abendbrot, ich wollte den beiden was kochen?«
»Sie haben vorhin von mir was bekommen. Die sind satt und schlafen bis zum Morgen!« Bei diesen Worten strahlte sie förmlich.
Ich schloss leise die Kinderzimmertür hinter uns und bat sie mit einer einladenden Geste ins Wohnzimmer.
»Mira, kann ich Sie zu einem Schoppen Wein überreden?«
»Gerne, wenn es keine Umstände bereitet.« Sie setzte sich mit einer anmutigen Bewegung auf das Sofa.
»Einen Merlot könnte ich anbieten, nur mit Gläsern … mein letztes Weinglas ist beim Spülen zerbrochen. Ist eine Champagnerflöte auch genehm?« Vor Scham zog mir bei diesen Worten die Röte ins Gesicht.
Sie zwinkerte mir zu und meinte: »Kommt doch nur auf den Inhalt an!«
Mira war die Nachmittagsbetreuung, die ich vor einiger Zeit eingestellt hatte. Erst jetzt fiel mir auf, was für ein bezauberndes Wesen da vor mir saß. Flammend rote Haare und Rundungen …! Trotz des Sauwetters hier in Norddeutschland sah ich eine gesunde Bräune. Ihr Seidenhemdchen verbarg ja auch nicht viel vor meinem Blicken.
»Besuchen Sie regelmäßig die Sonnenbank, sie sehen so erfrischend gebräunt aus?«
»Assitoaster? Freiwillig nie! Ich lege mich bei Sonne lieber auf den Balkon!«
Wir tranken einen Schluck. »Die nächsten zwei Wochen ist ja Zeit dafür, doch … ob die hier scheint?« Ich schaute prüfend aus dem Fenster. Ein Gedanke drängte sich mir auf. »Haben Sie Lust, uns in den Süden zu begleiten? Im Familienappartement sind genug Zimmer!« Ich bemerkte bei den Worten ein Strahlen auf ihrem Gesicht.
»Ich gewöhne mich gerade an die Kids! Die Aussicht auf einige Tage in Italien mit den Kleinen ist schon verlockend. Ich muss nur meinen Reisepass suchen und packen.«
»Dann ist das abgemacht, wir holen Sie morgen früh von daheim ab. Die Mäuse werden große Augen machen, wenn Sie zu uns ins Auto steigen. Ich nehme Sie nicht zur Aufsicht mit, für die Racker bin ich zuständig! Sie dürfen uns gerne als Gast begleiten.«
»Alles klar, Chef! Sie sind für die Arbeit da, ich darf die Tage genießen. Mal was Anderes.« Wieder zwinkerte sie mir verschwörerisch zu. Mira betrachtete aufmerksam meine Finger am Glas. »Was sagt denn ihre Frau dazu?«
Ich folgte ihrem Blick. »Der Ehering! Den bekomme ich nur schwer runter, der hat sich da festgesaugt. Ich bin seit drei Jahren geschieden, die Ex wohnt in Portugal bei ihrem Mann. Sie haben recht, den sollte ich endlich ablegen und beim Goldschmied verkaufen!«
Wir tranken den Merlot aus, dann begleitete ich sie zur Tür. »Bis morgen früh, auf uns wartet die Sonne!« Ich hob die Hand zum Gruß und konnte mich gerade noch bremsen, sie nicht zum Abschied zu umarmen.
Als alleinerziehender Vater war es für mich nicht leicht. Job, Haushalt, und Kinder unter einen Hut zu bringen, ohne dass irgendwer zu kurz kam, glich dem Tanz auf einer Rasierklinge. Morgen war der erste Ferientag. Ich hatte für uns eine familienfreundliche Sommerresidenz in Italien gebucht. Im Urlaub wollte ich mit den beiden Rackern die Zeit zu dritt genießen. Vorher sollten sie noch verwöhnt werden. Die zwei liebten Fischstäbchen, dass solche lukullischen Raffinessen für Kinder in der Vollpension enthalten sind, bezweifelte ich. Für die gleich daheim geplante Raubtierfütterung fehlten mir einige Zutaten. Gerade rechtzeitig vor Ladenschluss betrat ich den Supermarkt und eilte durch die Gänge. Süßigkeiten für die lange Fahrt landeten im Einkaufswagen. Eine frische Zahnbürste, Deo und Mundwasser folgten. Wer hatte mir den Urinstein-Reiniger auf das Haribo Konfekt gelegt? Zurück ins Regal damit! Bezahlen und hurtig zu meinen Liebsten. Auf dem Heimweg hatte ich nur ihre strahlenden Gesichter vor Augen. Verdammt! Die Radarfalle kannte ich doch! Warum dann der Blitz? Ein Blick auf den Tacho ließ mich aufatmen. Nur sieben Kilometer zu schnell! Daheim angekommen, blieb ich im Flur stehen und lauschte. Nichts … diese Stille war unheimlich! Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Kinderzimmer. Lächelnd drehte sich Mira um und hob den Zeigefinger an ihre Lippen. »Sie schlafen, das war ein aufregender Tag für die zwei«, flüsterte sie mir zu. »Nach dem Mittagsschlaf haben sie mich an den Marterpfahl gebunden. Ich sollte die gefangene Squaw spielen. Später hatten wir eine gewaltige Kissenschlacht. Sie haben auf mir gesessen und gegrölt!« »Was ist mit Abendbrot, ich wollte den beiden was kochen?« »Sie haben vorhin von mir was bekommen. Die sind satt und schlafen bis zum Morgen!« Bei diesen Worten strahlte sie förmlich. Ich schloss leise die Kinderzimmertür hinter uns und bat sie mit einer einladenden Geste ins Wohnzimmer. »Mira, kann ich Sie zu einem Schoppen Wein überreden?« »Gerne, wenn es keine Umstände bereitet.« Sie setzte sich mit einer anmutigen Bewegung auf das Sofa. »Einen Merlot könnte ich anbieten, nur mit Gläsern … mein letztes Weinglas ist beim Spülen zerbrochen. Ist eine Champagnerflöte auch genehm?« Vor Scham zog mir bei diesen Worten die Röte ins Gesicht. Sie zwinkerte mir zu und meinte: »Kommt doch nur auf den Inhalt an!« Mira war die Nachmittagsbetreuung, die ich vor einiger Zeit eingestellt hatte. Erst jetzt fiel mir auf, was für ein bezauberndes Wesen da vor mir saß. Flammend rote Haare und Rundungen …! Trotz des Sauwetters hier in Norddeutschland sah ich eine gesunde Bräune. Ihr Seidenhemdchen verbarg ja auch nicht viel vor meinem Blicken. »Besuchen Sie regelmäßig die Sonnenbank, sie sehen so erfrischend gebräunt aus?« »Assitoaster? Freiwillig nie! Ich lege mich bei Sonne lieber auf den Balkon!« Wir tranken einen Schluck. »Die nächsten zwei Wochen ist ja Zeit dafür, doch … ob die hier scheint?« Ich schaute prüfend aus dem Fenster. Ein Gedanke drängte sich mir auf. »Haben Sie Lust, uns in den Süden zu begleiten? Im Familienappartement sind genug Zimmer!« Ich bemerkte bei den Worten ein Strahlen auf ihrem Gesicht. »Ich gewöhne mich gerade an die Kids! Die Aussicht auf einige Tage in Italien mit den Kleinen ist schon verlockend. Ich muss nur meinen Reisepass suchen und packen.« »Dann ist das abgemacht, wir holen Sie morgen früh von daheim ab. Die Mäuse werden große Augen machen, wenn Sie zu uns ins Auto steigen. Ich nehme Sie nicht zur Aufsicht mit, für die Racker bin ich zuständig! Sie dürfen uns gerne als Gast begleiten.« »Alles klar, Chef! Sie sind für die Arbeit da, ich darf die Tage genießen. Mal was Anderes.« Wieder zwinkerte sie mir verschwörerisch zu. Mira betrachtete aufmerksam meine Finger am Glas. »Was sagt denn ihre Frau dazu?« Ich folgte ihrem Blick. »Der Ehering! Den bekomme ich nur schwer runter, der hat sich da festgesaugt. Ich bin seit drei Jahren geschieden, die Ex wohnt in Portugal bei ihrem Mann. Sie haben recht, den sollte ich endlich ablegen und beim Goldschmied verkaufen!« Wir tranken den Merlot aus, dann begleitete ich sie zur Tür. »Bis morgen früh, auf uns wartet die Sonne!« Ich hob die Hand zum Gruß und konnte mich gerade noch bremsen, sie nicht zum Abschied zu umarmen.
In der Badewanne liegend bearbeitete ich die Sohlen mit dem Bimsstein der holden Ehefrau. Sie mochte keine Hornhaut, egal wo! Lächelnd dachte ich, auch nicht auf meiner Seele! Die Sonnen schien mir direkt in die Augen und blendete gewaltig. Ich Depp hatte vergessen, den Vorhang zuzuziehen! Nach einem Blick zur Uhr stieg ich aus, rubbelte die Haare trocken und machte mich landfein. Elfie hatte heute ihren Big Moment. Weil ihre Freundin mit Magen-Darm den Tag im Bett verbringen musste, war sie aufgerückt, und durfte sich im Mannschaftssynchronspringen beweisen. Wenn ich da zu spät kam, gnade mir Gott! Hatte ich die Kamera eingepackt? Nicht pünktlich im Hallenbad anzukommen, war ein Ding. Ohne Fotos von ihren Sprüngen zurückzukommen stand auf einem anderen Blatt Papier! Fotoapparat gecheckt, gute Laune, es konnte kosgehen! An der Haustür wartete Samira, maunzte traurig und schlich mit aufgestelltem Schwanz zwischen meinen Beinen hindurch. Hatte ich ihr Katzenfutter vergessen? Vorsichtig hob ich sie auf, streichelte ihr Köpfchen und ging mit der Katzendame in die Küche. Tatsächlich, der Napf war leer. Ich schaute im Vorratsschrank nach, eigentlich kümmerte sich Elfie um die Kleine. Da lag eine Zuckerstange, die war wohl eher als Belohnung für Daniel gedacht, die Packung Zwiebelringe bestimmt eine Frühstücksbeilage. Ah, da hinten sah ich Samiras leckeres Futter. Ein Schälchen geöffnet und ihr in den Fressnapf gegeben, das machte ich doch gerne. Als sie sofort dahin sprintete und genüsslich begann, ihr Mahl zu verspeisen strich ich ihr noch einige Male zärtlich über den Rücken, kraulte sie am Kopf und verabschiedete mich lächelnd. Nun musste ich schnell sein. Grade rechtzeitig kam ich am Schwimmbad an und wurde auf die Tribüne geleitet. Genau die richtige Höhe für gelungene Bilder. Das Stativ aufbauen, das Teleobjektiv montieren, dann war ich bereit! An der Treppe des Turms stand meine Frau, die Ränge nach mir absuchend. Ich gab ihr ein Zeichen mit der Hand. Der Wettkampf fing an. Unsere Damen sollten als drittes Team springen. Regionsmeisterschaften, so eine Sache für sich. Alle kannten sich gut. Die ersten zwei Mannschaften legten saubere Sprünge vor. Jetzt war sie dran. Ich fieberte hinter der Kamera mit. Der Delphinsalto der beiden war ein Traum, technisch einwandfrei, ein Gleichklang wie ich ihn selten gesehen hatte. Begeistert klatschte ich. Sie tauchte auf und suchte mich, winkte mir euphorisch zu. Sie wusste, der Part war klasse. Einer von fünf, hoffentlich sprangen sie so gut weiter. Runde drei. Schon beim Betreten der Leiter sah Sonja, eine Sportlerin aus der Nachbarstadt, unsicher aus. Oben auf siebeneinhalb Meter Höhe glaubte ich zu sehen, dass sie leicht schwankte. Der Absprung zum Rückwärtssalto gelang nicht. In der Luft verlor sie die Kontrolle, konnte die Arme anlegen, doch prallte fast waagerecht auf die Wasseroberfläche. Die Rettungsschwimmer von der DLRG eilten sofort zur herbei und holten sie heraus. Zuerst sah das übel aus, nicht eine Bewegung sah ich von hier. Die Springerinnen, darunter auch Elfie, betrachteten mit offenen Mündern vom Rand aus das Geschehen. Nach ein paar Minuten erkannte ich, dass sie sich bewegte, hustend zu sich kam. Mit unterstützenden Griffen der Helfer erhob sie sich, winkte zu uns und wurde in den Krankenwagen geführt. Ich atmete tief durch, das hätte schlimm ausgehen können. Auf dem Turm war kein Brett mit Federung. Anlauf gab es hier nicht, aus dem Stand wurde konzentriert gesprungen. Ein Fehler beim Absprung brachte den ganzen Ablauf durcheinander. Gott sei dank ging das noch einmal gut. Ich wusste nicht, warum sie so aufgeregt und unkonzentriert auf die Leiter stieg. Es kehrte wieder Ruhe ein und der Wettkampf wurde fortgeführt. Sprung für Sprung beschäftigte ich mich mit dem Fotografieren. Nur wenn Elfie sich obenvorbereitete, begann das Herz in mir zu rasen. Sie machte so eine tolle Figur in ihrem Badeanzug. Meine Frau eben, egal wo, immer ein Sonnenschein. Die Leistung der Beiden überzeugte alle Zuschauer, jetzt wartete ich gespannt auf das Urteil der Preisrichter. Leichter Regen kam vom Himmel herunter. Das konnte den Tag nicht mehr verderben. Die Entscheidung war gefallen. Trara! Hohenstein hatte den Regionalwettbewerb gewonnen. Ich packte die Sachen zusammen und eilte hinunter, um mit der Mannschaft zu feiern. Im Mannschaftsraum sah ich nur in strahlende Gesichter. Trainer, Kolleginnen und die Akteure lagen sich in den Armen. Champagnerflaschen wurden geköpft, sie prosteten sich zu, und die Stimmung schwebte auf Wolken. Als ich den Raum betrat, fragten mich alle nach den Fotos .« »Mädels, ihr habt gesiegt, feiert, den Rest sehen wir uns morgen an. Herzlichen Glückwunsch!« Ich holte Elfie aus der feiernden Traube heraus. »Komm, wir fahren heim und genießen zu zweit deinen Sieg.« »Nur noch einen kleinen Moment, der Trainer ist gerade raus, um zu fragen, wie es Sonja geht.« »Klar, und dann ab aufs Sofa?« Sie lächelte süß. »Aber ja, du bist doch mein Bester!« Gerührt setzte ich mich und wartete. Rubens, der Betreuer, kam lachend herein. »Mit Sonja ist alles okay, ein paar blaue Flecke und Bestürzung über das Missgeschick. Entwarnung!« Elfie kuschelte, wir sagten tschau und fuhren Richtung Wohnzimmer. Daheim war es still. Samira schlummerte in ihrer Hängematte, Daniel schien schon zu schlafen. »Ich denke, dein Erfolg darf gefeiert werden. Du hast so wunderbar ausgesehen in dem Badeanzug, die Sprünge, einfach perfekt! Cool, eine so tolle Frau zu haben.« Sie grinste und schlug mir grinsend auf die Schulter.
Wir saßen auf dem Sofa, ein Glas Sekt in den Händen und wollten gerade auf ihren Sieg anstoßen, als unser Großer zu mir kam. Er stupste mich an. »Kommst du mal, ich muss mit dir reden?« Daniel, mein Sprössling, war mit zwölf begeister vom Judo. Die weißen Anzüge, schwarzen Gürtel, die fließenden Bewegungen auf der Matte faszinierten ihn. »Klar, geh schon mal ins Zimmer, ich bin sofort bei dir.« Ich prostete der Frau des Herzens zu, wir tranken einen Schluck, und ich zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Unser Sohn will sprechen, der hat wohl ein Problem. Bleib sitzen, wir feiern deinen Sieg gleich weiter. Verliebt zwinkerte ich ihr zu. »Was ist denn so wichtig, Großer?« »Papa, Judo ist doch nichts für mich. Die machen ja ernst!« »Tja, Sohnemann. Das ist eine Erfahrung für die Zukunft. Da geht es so zu. Was gibt den noch so, dass dir gefallen würde?« »Fußball, das kann ich bestimmt, laufe auf dem Platz herum und schieße den Ball.« Ich lächelte ihm zu, »dann melden wir dich in der Jugendabteilung an, willst du?« »Klar!« Lachend verschwand er im Jugendzimmer. Ich grinste innerlich. Du wirst es sehen, Daniel! Da landest du nicht auf der Matte, ist dir der Rasen lieber? Die Erinnerung an meine Begegnung mit der Sportart war zwar schon länger her. An die nahen Kontakte mit der Grasnabe konnte ich mich aber gut erinnern. Zurück bei Elfie schaute sie so fragend, dass ich um eine Erklärung nicht herum kam. »Beruhige dich, er mag die weißen Anzüge nicht mehr, ein Fußball-Trikot ist jetzt sein Hit. Wer kann das vorhersagen, am Ende des Weges landet er vielleicht auf dem Sprungturm.«
Ich
saß im Zug nach München, um mich mit Autoren zu treffen. Es sollte in die
Toskana in einen Arbeitsurlaub gehen. Durch die frühe Abreise aus Hamburg war
ich müde, schloss die Augen und war schnell eingenickt.
Im Abteil
ertönte die Durchsage: »Nächste Station: München Hauptbahnhof! Die Reisenden
werden gebeten, den Zug zu verlassen!«
Am Bahnsteig wurde ich von meinen Mitstreitern erwartet. »Hallo Malte! Schön, dich live zu sehen.« »Wie war die Zugfahrt?« »Freust du dich auch schon so auf die Sonne, wie wir?«
Alle redeten durcheinander und ich wurde stürmisch umarmt. Sie hatten sich hier verabredet, um mich abzuholen: Sylvia, Maren, Monika und Dennis standen lächelnd vor mir. »Kommt, gehen wir zum Auto, wir haben noch einen weiten Weg nach Italien«, sagte ich. »Der Süden wartet!« Ich schnappte mir Koffer und Tasche. Dennis ging zum VW-Bus vor, und ich verstaute das Gepäck. Die lange Fahrt war genau das Richtige zum besseren Kennenlernen. Bisher hatten wir ja nur Kontakt über das Internet.
»Erzählt bitte was von euch. Was hast du dir denn vorgenommen, Monika? Ich bin neugierig!« Ich lächelte sie an. »Ich will endlich der Fantasy Geschichte einen traumhaften Schluss verpassen. Und du, Sylvia?« »Mein Plot ist noch unlogisch, der wird hier bestimmt fertig, dann fange ich an, den Roman zu schreiben. Eine Reise in die Vergangenheit. Maren, was hast du geplant?« »Mir fehlt noch das Ende meiner Liebesgeschichte. Die spielt in der Toskana. Diese Fahrt schien mir ein Geschenk des Himmels. Da fällt mir ein, ich würde gerne mein Postfach im Auge behalten. Gibt es eigentlich Internet im Ferienhaus?« »WLAN vom Feinsten, das hat mich zuerst wirklich erstaunt. Ist aber top. Also habt ihr vor zu schreiben, tatsächlich mitzuarbeiten!« Malte war gut gelaunt.
Wir plauderten über unsere Bücher, lachten und scherzten. Maren hatte während der ganzen Fahrt mit ihrem Lachen, der faszinierenden Art, das Gespräch zu begleiten, mein Herz erobert. Irgendwann fragte sie: »Hältst du mal an? Ich müsste mal wo hin.« Sie rutschte schon seit Längerem auf dem Sitz hin und her. »Gerne, dann können wir auch gleich was essen, ich habe riesigen Hunger.« Dennis steuerte den nächsten Rastplatz an.
Monika schaute sich im Lokal um. »Hier am Fenster, der Tisch ist gut. Malte, die ganze Fahrt bist du so still, stimmt was nicht?« »Danke, mir geht es gut, ich bin nur etwas müde und in Gedanken bereits im sonnigen Süden.« Wir betrachteten die Fotos der Gerichte auf der Karte: Alle sahen lecker aus. Lächelnd kam Maren zurück. »Was habt ihr euch ausgesucht?« »Wir sind in Italien, was glaubst du?«, entgegnete ich ihr. »Sagt jetzt nicht Spaghetti!« Wir lachten und sie schaute uns überrascht an. »Habe ich was Falsches gesagt?« »Das Meer ist in der Nähe, da ist die Auswahl etwas lukullischer.« Ich reichte ihr die Speisekarte. Der Blick aus dem Fenster auf einen Pinienwald war die richtige Einstimmung auf die nächste Zeit.
Wir bestellten uns Fisch. Er schmeckte hervorragend. »Wenn wir das Essen im Haus genauso gut hinbekommen, ist die Woche gerettet.« Sylvia sah fragend in die Runde. »Wer kocht eigentlich?« Dennis räusperte sich. »Wir erstellen einen Plan und wechseln uns ab.« Bald saßen wir wieder im Auto, die Fahrt Richtung Abenteuer wurde fortgesetzt. Vorbei an einem malerisch gelegenen Dorf steuerte er den Bus auf einer schmalen Landstraße den Berg hinauf.
»Es ist nicht mehr weit. Hier bekommen wir all die leckeren Sachen, die wir brauchen!« Mit diesen Worten zeigte er auf den idyllischen Ort. Er bemerkte unsere fragenden Blicke. »Ihr zweifelt; wartet auf den Markt, die Geschäfte und die Einheimischen! Dort bleiben keine kulinarischen Wünsche unerfüllt.« Lachend fuhr er weiter. »Gleich sind wir da, nur noch in die Einfahrt da vorne und den Weg hinauf!« Die Sonne schien auf einen gewaltigen Olivenhain. Zypressen standen an einem Natursteinhaus, das traumhaft in die Landschaft passte. Diese Umgebung beflügelte meine Fantasie. »Hier lasse ich Sina ihre große Liebe finden!«, flüsterte Sylvia mehr zu sich selbst. Alle lachten und wir zogen in unser Sommerdomizil ein. Maren eroberte mit mir den Platz hinter dem Haus. Als einzige Raucher in der Gruppe brauchten wir einen Ort für dieses Laster, an dem wir die Anderen nicht störten. Der kleine Tisch mit den bequem aussehenden Stühlen lud zum Innehalten ein. Wir setzten uns und ich genoss den lauen Sommerabend. Die Zikaden unterbrachen die Ruhe der ländlichen Stille, die Aussicht hinunter zum Olivenhain war einfach wunderschön. Wir griffen gleichzeitig zum Aschenbecher und die zufällige Berührung ließ mich erzittern. Der Blick in ihre grünen Augen verursachte in mir einen angenehmen Schauer. Im Bauch kribbelte es, als wäre eine Ameisenkolonie auf dem Weg, und mein Herz pochte, als wolle es herausspringen. »Darf ich dir Feuer geben?«, kam es fast flüsternd über meine Lippen. Sie zupfte die Zigarette aus ihrem Mund. Amüsiert raunte sie mir zu: »Danke, ich lebe im Heute und bin da autark.« Mit einer schnippischen Geste klickte sie das Feuerzeug an, dann pustete sie mir eine Rauchwolke entgegen. Die ist ja zickig! Was um alles in der Welt mache ich mir vor? Maren war mir schon am Bahnhof bei der Begrüßung aufgefallen. Ihr strahlendes Lächeln hatte mich sofort erobert. Ich sah in ihre Augen und mir war klar, ich war hoffnungslos verliebt! Eigentlich wollte ich gleich umdrehen. Das konnte nur schiefgehen! In Gedanken erhob ich die Hände, bat den da oben darum, das nicht zuzulassen. Nur war es jetzt zu spät, einfach abzuhauen.
Auf der Fahrt in die
Toskana hörte ich ihr Lachen, sie blühte in der Gruppe auf. Die Reaktion eben
überraschte mich total.
Ich entdeckte eine weiße, kleine Ziege, die uns beobachtete. Sie schüttelte ihren Kopf und meckerte, kam schnuppernd zu mir und zupfte an meiner Jeanstasche. Das war dann doch zu viel, mit einer heftigen Bewegung verscheuchte ich sie. »Eine Freundin hast du hier ja schon gefunden«, meinte Maren und zog genussvoll an ihrer Zigarette. »Welche Freundin?« »Nun, die Kleine mag dich anscheinend.« Irritiert sah ich hinter der Ziege her, drückte die Kippe aus und verschwand ohne eine Antwort im Haus. Verstehe einer die Frauen!
Auf der Liste für den Küchendienst am Dienstagnachmittag las ich Marens und meinen Namen. Bei den Temperaturen tagsüber beschlossen wir gleich am ersten Tag, das Hauptessen auf den Abend zu legen. Auf dem Markt einzukaufen, hatte ich noch nie probiert: Dieser Duft nach frischen Kräutern, fremden Gewürzen, die Waren so einladend ausgebreitet, dazu die anpreisenden Stimmen der Marktfrauen – unbeschreiblich! Ich verstand jetzt, was Dennis im Bus gemeint hatte. Hier gab es alles, was wir brauchten. Maren hatte einen Einkaufszettel geschrieben. Ich kam mir wie ein verliebter Teenager vor, trottete hinter ihr her und versuchte, ihr Interesse zu wecken. Ich hatte schon lange nicht mehr die Gunst einer Frau geworben. Dementsprechend dämlich kam ich mir dabei vor, denn sie ignorierte mein Getue. Nur die Tüten durfte ich tragen.
Nun trafen wir uns in der Küche, Maren stand am Herd und kochte, ich konzentrierte mich auf das, was ich glaubte zu können. Ich putzte das Gemüse, schnitt es in kleine Stücke und summte leise. Unerwartet drehte sie sich zu mir um und schaute tief in meine Augen. »Malte, ich kann das nicht!« »Was kannst du nicht? Kochen?« »Quatsch, das, was du von mir erwartest!« »Was meinst du damit?« »Ich sehe doch, wie du dich um mich bemühst. Da ist etwas, das tief in mir eine Mauer aufbaut. Sobald ich das Gefühl verspüre, dass jemand mehr von mir erwartet, mache ich zu wie eine Auster. Ich schwor mir nach dem letzten Fehlgriff, jedem Mann aus dem Weg zu gehen, der mir so nahe kommt.« Sie hat Angst davor, noch einmal verletzt werden.Das habe ich doch nicht vor! »Du bedeutest mir viel, ich glaube, ich bin verliebt, aber ich verstehe dich. Ich brauchte auch eine lange Zeit, um offen auf Neues zuzugehen. Lass uns das Essen zubereiten, die anderen sind hungrig! Darüber sprechen wir später.« Ich wusste es, das musste sie ja bemerken! Mein Herz zog sich zusammen, so kam es mir zumindest vor. Das habe ich wohl gründlich vermasselt. »Das Gemüse ist geputzt und geschnitten, brauchst du mich hier noch?« »Nein danke, den Rest schaffe ich alleine. In zwanzig Minuten können wir essen!« »Alles klar, ich sage Bescheid.« Mit einem nachdenklichen Lächeln verließ ich die Küche.
Draußen im Garten hatten sie den langen Tisch schon gedeckt. Die Sonne strahlte vom Himmel, so als wolle sie die ganze Welt umarmen. Sylvia, Monika und Dennis machten es sich bei einem Glas Wein gemütlich. Sie sprachen über ihre Arbeiten des Tages. »Na, wie geht es dem Essen?« Fragend sahen sie mich an. »Das ist in zwanzig Minuten für euch bereit. Ist für die Küchenhilfe noch ein Schluck übrig?« »Klar, komm, setz dich! Du schaust so bedrückt, stimmt etwas nicht?« Monika schien meine Stimmung bemerkt zu haben. »Nein, alles in Ordnung, nur ein wenig abgespannt. Aber danke, dass du fragst.« Mist, zusammenreißen! Dass mir meine Stimmungslage auch immer auf der Stirn geschrieben steht! »Dann zum Wohl, auf die gelungene Reise.« Ich erhob das Glas und prostete den anderen zu.
Am letzten Abend vor der Abreise setze ich mich unter die große Zypresse und ließ die Tage der Autoren-WG noch einmal an mir vorbeiziehen. Ich hatte es geschafft, meine Gefühle nicht mehr zu zeigen. Irgendwie bekamen wir es hin, die Zeit harmonisch verstreichen zu lassen, auch wenn es mir manchmal schwer fiel. Die Überarbeitung des ersten Buches war gut vorangekommen, fast zufrieden lehnte ich mich an den Stamm. Wie ein Schatten trat sie aus dem Halbdunkel und setzte sich neben mich. »Störe ich dich gerade?« »Nein. Ich finde es schade, dass die Zeit hier so schnell vorbeigegangen ist und schwelge in Erinnerungen!« »Lust, über das zu reden, was wir in der Küche auf später verschoben haben?« »Wenn du das willst, gerne.« Warum fange ich an zu zittern? Sie rückte näher heran.»Danke, dass du mich nicht bedrängt hast. Das tat mir gut.« »Nach dem was du sagtest, war mir klar, du igelst dich nur ein. Du solltest hier Freude haben, die Tage genießen.« Ich bemerkte ein Lächeln in ihrem Gesicht. »Das ist dir gelungen, es war eine wunderbare Zeit hier. Schon der erste Blick in deine Augen, ich war verloren, aber … Doch heute möchte etwas wagen, mich noch einmal verlieren, leben. Wenn du noch magst?« »Das wollte ich dir immer wieder sagen: vergiss das Versprechen, das du dir gegebenen hast! Kein Vertrauen zu schenken, bedeutet alleine zu sein.« Maren lachte hell auf. »Genau, das war ich jetzt lange genug! Kommst du mit hoch auf einen Chianti?« »Bist du dir sicher?« Sie legte mir den Arm um die Schulter und hauchte mir einen zarten Kuss auf die Wange. »Sonst würde ich nicht fragen.« »Dann gerne, gehen wir, bevor die Sonne aufgeht. Einsame Nächte erzeugen nur traurige Erinnerungen.« Ich folgte ihr ins Zimmer und setzte mich aufs Bett. Maren öffnete den Wein. »Ich habe leider nur Wassergläser, Hauptsache, der Inhalt stimmt.« Sie lächelte und sah prüfend zu mir. »Wie stellst du dir das denn mit uns vor? Du in Hamburg und ich in Stuttgart? Die Arbeit ist mir wichtig. Wenn das zwischen uns mehr wird, erwarte ich, dass du in meiner Nähe bist.« Ich nahm ihr das Glas aus der Hand und strich ihr mit dem Zeigefinger sanft über die Wange. Mir wurde warm ums Herz. »Ich hatte, bevor du mich abgewiesen hast, auch schon darüber nachgedacht. Wo ich schreibe, ist egal. Mit dir geht es mir bestimmt gut, da sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus. Also, ich bin zu allem bereit, nur du bist wichtig!« Maren lachte laut auf, suchte ihr Weinglas und prostete mir zu. »Dann auf uns! Komm setz dich: Ich will kuscheln!«
»Guten Morgen! Hat einer von euch meine Schlappen gesehen? Die habe ich hier irgendwo liegengelassen. Muss barfuß nach oben getapert sein.« Fragend schaute ich in die Frühstücksrunde und sah in verschmitzt grinsende Gesichter. »Da sind deine Gedanken heute Nacht wohl auf anderen Wegen gewandelt!«
Drubenheart war alt, selbst für die
Mitglieder seine Gattung war er ein alter Knochen. Zugegeben gab es nur
noch wenige. Achthundertzweiunddreißig Jahre nach der Menschen Rechnung
hatte er bereits gesehen, viele davon waren für beide prächtig, zusammen hatten
Menschen und Drachen viel erreicht, geschafft und zufrieden nebeneinander
gelebt. Man hatte sich unterstützt, so gut es ging, in Gefahrensituationen
geholfen und trotz der beachtlichen Unterschiede der Körpergröße war das
Zusammenleben der zwei völlig unterschiedlichen Arten ein sehr harmonisches
gewesen. Die Alten halfen den Alten, die Jungen spielten miteinander. Wobei
jeder bedenken musste, jung bei der Gattung Mensch ging bei ihrer Zählweise bis
zum zehnten Lebensjahr, bei den Draflüglern, von den Menschen Drachen oder
Lindwürmer genannt, waren das durchaus zehn Mal so viele Tage. Das hieß, sie
hatten viele Spielkameraden, aber auch viele Freunde, wenn ehemalige Gefährten
in der Jugend der Menschen zu Erwachsenen heranwuchsen. Durch diese eigenartige
Begebenheit, durch Mutter Natur geschaffen, war eine Freundschaft beider Rassen
auf lange Zeit einfach da, ohne dass sie hinterfragt wurde.
Ihre Kämpfe waren bis zu den Tagen immer nur nette Geplänkel zwischen den
beiden so unterschiedlichen Geschlechtern. Immer hatten die Draflügler ihre
Nüstern vorn, aber es sollte ja auch nur ein großer Spaß sein, nie war ein
ernster Kampf geplant. Warum auch, beide Völker waren ja gute Freunde.
Dann, vor 600 Jahren, ist etwas Eigenartiges geschehen. Drubenheart war noch
ein Jungspund, als plötzlich immer weniger Drachenkinder geboren wurden. Die
Menschen waren genauso ratlos wie die Draflügler. Die Lindwürmer wurden immer
trauriger. Alte starben und die jungen wurden älter, das war der Lauf der Welt,
aber ohne Kinder wurden sie immer weniger. Die jungen Menschen hatten keine
Drachenkinder mehr zum Spielen und die alte Vertrautheit zwischen den zwei
Arten verschwand nach und nach. An ihre Stelle trat Misstrauen gegenüber den
riesigen Geschöpfen, die immer wieder die Pfade der Menschen kreuzten.
Die Drachen zogen sich immer mehr aus der Gesellschaft der Menschen zurück.
Eine Zeit lang wurden sie noch von den älteren und Alten in Ihren Höhlen
besucht. In sie hatten die meisten Lindwürmer sich vor Trauen und Schmerz
zurückgezogen. Es wurden Geschichten aus den glorreichen Tagen der engen
Freundschaft der zwei Völker erzählt und man schwelgte in Erinnerungen.
In den Dörfern und Burgen der Menschen ging die Erinnerung an das friedliche
Zusammenleben zwischen Lindwürmern und Menschen immer mehr verloren. Die
großen geflügelten Gestalten wurden mit vielen Mythen belegt, das Feuerspeien
zum Beispiel hatte es nie gegeben.
Die alten Geschichten wurden ausgeschmückt mit fantasievollen Darstellungen von
Kämpfen, welche nicht stattgefunden hatten und solche Erzählungen schürten die
Angst vor dem inzwischen Unbekannten. Die Alten, die sich noch erinnerten,
wurden belächelt, wenn sie von Festen und Spielen mit den Lindwürmern
schwärmten.
Die jungen, aufstrebenden, Recken hatten ein neues Spiel, tötet den Drachen.
Dabei machten sie sich Mut und Anerkennung fand
der Gewinner. Siegfried, von den Menschen in Geschichten als „Drachentöter“
gerühmt, war so ein Genosse, der auszog, um Ruhm zu erwerben, weil er von allen
Freunden ausgelacht wurde. Irgendwann hatte er einmal den Gedanken gefunden, er
würde Anerkennung erlangen, wenn es ihm gelänge, einen von den im Kampf
unbesiegbaren doch zu besiegen. So machte er sich auf die Suche nach dem
Versteck eines Lindwurms.
Er hätte Fafnir nie im Kampf besiegen können. Eine Katastrophe kam ihm gegen
den jungen Draflügler zur Hilfe. Gerade als er lauthals brüllend mit erhobenem
Schwert versuchte, die Höhle des vermeintlichen Opfers zu erstürmen, begann die
Erde zu beben. Fafnir, der sich auf einer Ebene oberhalb des Eingangs befand,
wurde ebenso vom Erzittern des Bodens überrascht, wie der voran stürmende
Siegfried. Siegfried unten, die Arme zum Schutz gegen den einsetzenden
Geröllregen erhoben, das Schwert gen Himmel gestreckt, Fafnir über ihm,
plötzlich von einem herabfallenden Gesteinsbrocken in der Flanke getroffen und
den schmalen Grat hinunter gedrückt. Er fiel genau in das aufgerichtete Schwert
und begrub Siegfried
unter sich. Sein Blut floss über den fast zu
Tode gedrückten Körper des ungestümen Angreifers und die in ihm enthaltenen
Inhaltsstoffe taten ihre Pflicht. Der im Sterben liegende Mensch wurde durch
das Blut des Drachen erweckt, er bekam ungeahnte Kräfte übermittelt und nach
einer Zeit der Regeneration kämpfte sich Siegfried
unter dem toten Körper des Lindwurmes hervor. Hinterher erzählte er stolz, er
hätte im Blut des Drachen gebadet. Auch der wunde Punkt im Rücken, in der Sage
ein Blatt, das sich beim Baden auf seinem Rücken befand, war nichts anderes, als
der Abdruck von Teilen seiner Waffe, die durch den Druck, den der Körper über
ihm ausgeübt hatte, einfach verhinderte, dass Drachenblut diese Hautpartien
benetzten konnte.
Nun saß er hier oben auf dem hohen
Berg und beobachtete das Geschehen unter Ihm. Es hatte sich viel verändert in
den letzten Hunderten von Jahren auf der guten alten Erde. Die Menschen
benutzten heute Dinge zum Transport, die er nur aus der Entfernung kannte.
Fliegen konnte er nur noch in dunklen Nächten immer auf der Hut nicht gesehen zu
werden. Wenn er ehrlich zu sich selber war, strengten ihn diese Ausflüge leider
auch sehr an, und er war immer wieder froh, es sich in seinem Unterschlupf
gemütlich machen. Hier legte er sich nieder und ließ seine Gedanken fliegen in
die alte Zeit voller Glück, Zufriedenheit und Frieden.
Es gab nur noch wenige der Alten, die durch Überlieferungen und Erzählungen von
der einstigen Freundschaft der beiden Geschlechter wussten. So sprach er nur
noch selten mit einem vom Menschengeschlecht.
Doch gestern, oder war es vorgestern, er schlief in letzter Zeit lange, war
David vom hohen Acker zu ihm hinaufgeklettert. Der alte Mann hatte sich den
beschwerlichen Weg angetan um ihn, den alten Draflügler um Rat zu bitten. Sie
hatten lange zusammen gesessen und gesprochen. David erzählte ihm eine
Geschichte, die eher in die Zeit der Ritter und Burgen passte. Drubenheart kam
sich dabei in alte, bessere, Zeiten versetzt vor.
Als der Alte mit seinem Rat im
Gepäck gegangen war, legte sich Drubenheart in seine Höhle. Er war beglückt,
noch das Vertrauen eines Menschen bekommen zu haben. Erschöpft
schlief er mit einem Lächeln auf den Lippen für immer ein.
Gestern durfte ich mit ihm zum Einkaufen. Er brauchte so einige Dinge für den Haushalt.
Vor dem Regal mit Küchenrollen und Papier für die Toilette blieb er stehen, grinste und schüttelte den Kopf. Ich schaute mich um. Da war so ein weißes Tier mit einem bunten Schwanz, roten Haaren und einem Horn auf der Stirn aufgedruckt. Einhorn stand da geschrieben.
»Was ist ein Einhorn«, fragte ich ihn.
»Das ist ein Fabelwesen, ein Tier aus Märchen für Kinder«, erklärte er mir. »Die letzten Monate ist es bei den Frauen wieder der Hit. Sie lieben es, posten sich süße Bilder und Sprüche darüber. Findige Verkäufer benennen ihre Produkte jetzt damit und hoffen, sie besser zu verkaufen.«
»Du meinst, die drucken so ein Wesen auf Dinge drauf, und verkaufen sie besser, egal was drin ist?«
»So glauben sie, das gibt es als Duschgel, Seife, Schokolade, sogar als Käse in der Form des Einhorns. Jetzt drucken sie es auf Toilettenpapier. Wir sollen uns mit dem armen Kerl den Hintern abwischen.«
»Ist ja eigenartig, wie das bei euch funktioniert. Auf meinem Futter könnten noch so hübsche Bildchen drauf sein. Wenn es nicht schmeckt, fresse ich es nicht! Aber … wenn das so klappt, warum schreibst du nicht eine Einhorngeschichte?«
Gestern erlaubte er mir, mit auf eine Fahrt zu einer Lesung zu kommen. 😀
Das kannte ich ja. Gesichten von Tieren und verliebten Menschen gefielen mir.
Nicht in ein Kino, auf ein schaukelndes Boot brachte er mich. Damit fing das komische Gefühl in meinem Bauch an.
Die Damen begrüßten den Herrn freundlich. Wir setzten uns. Ein Mann las vor. Gespant folgte ich seinen Worten. Was hörte ich da
Keine Geschichte von Liebe und Glück, von grausamen Morden und einer Entführung erzählte er. Tote in einem Fleet. Das ist eine Wasserstraße wie eine Gracht. Was interessiert mich Ratte das. Mir gruselte es bei der Erinnerung ans Labor. Ich schaute die Zuhörer an. Die schienen nicht geschockt. Aufmerksam lauschten sie seiner Geschichte. Als er fertig war, klatschten sie Beifall.
Da verstehe eine Ratte die Moral der Menschen.
Vor dem Fenster tanzten die Flocken lustig in der leichten Brise und bedeckten die Landschaft mit Schnee. Gemeinsam hatten sie beschlossen, die Heimat an der Nordsee zum Fest zu besuchen. Sie, um die Familie zu sehen. Er wollte Freunde aus dem Büro treffen. Das alles erschien ihm wie ein Schritt durch das Tor der Vergangenheit. Er fühlte sich in der Wärme der Toskana in der letzten Zeit zuhause. In Gedanken hatte er den Norden Deutschlands schon lange hinter sich gelassen. Der Anblick der Dünen unter der Decke aus weißer Pracht ließ ihn jedoch lächeln. Neben ihm drehte sich Eva seufzend auf die andere Seite und schlief entspannt weiter. Er betrachtete ihr Gesicht eine Weile, dabei fragte er sich: Womit habe ich mir diese Traumfrau verdient? Hier fühlte sich alles anders an. Es war die Stille. Leises Rauschen der See, das zwischen den Dünen einen Weg zu seinem Ohr fand, versprach ruhige Tage. Der betörende Duft frisch aufgebrühtem Kaffees schwebte ihm von unten herauf in die Nase. Frau Harmsen breitete das Frühstück zu. Lächelnd wendete er sich Eva zu und stupste sie liebevoll an. »Der Kaffee ist fertig«, sang er ihr sanft das Lied ins Ohr. Sie räkelte sich, grummelte etwas Unverständliches und sah ihn dann fragend an. »Wwwas ist fertig?« Verschlafen setzte sie sich auf. »Die Vermieterin bereitet das Frühstück. Wir sollten uns anziehen. Ein wenig frisch machen.« »Wie spät ist es denn?« »Kurz vor acht.« »Ich schlafe hier so lange, das liegt bestimmt an der Stille. Kein Vogel weckt mich.« »Die Möwen stehen an der Küste nicht so früh auf.« Grinsend ging er ins Bad. Eva warf ihm ein Kopfkissen hinterher. »Du …« »Moin mien Deern, du siehst hungrig aus. Kaffee oder Tee?« Sie strahlte über das runde, fast faltenlose Gesicht. Nur die graue Haarpracht ließ ihr Alter erahnen. »Bitte einen Kaffee.« Die dampfenden Tassen stellte sie zusammen mit einem Teller Weihnachtsgebäck auf dem Tisch ab, und fragte augenzwinkernd: »Wie wollt ihr das Ei? Gekocht, gerührt oder als Spiegelei?« »Rührei«, flüsterte Eva am heißen Nass nippend. Das Frühstück war genau das, was sie jetzt brauchten. Frau Harmsen erfüllte alle Wünsche. Gesättigt zogen sie die warmen Stiefel und Jacken an. Sie hatten sich einen Strandspaziergang vorgenommen. Bei jedem Schritt knirschte es unter den Sohlen, so frostig war es. Eva sah einfach lustig aus mit der bunten Pudelmütze. Verspielt wie kleine Kinder liefen sie immer wieder los, bewarfen sich lachend mit der weißen Pracht. Vor der Düne schmissen sie sich in den Schnee, um Schneeengel zu zeichnen. Verschmitzt betrachteten beide das Ergebnis. Jan küsste Eva und räusperte sich, sie in den Arm nehmend. »Du, mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken an den heutigen Abend. Das Weihnachtsessen liegt mir schwer im Magen. Heiligabend ist doch was Persönliches. Ihnen an einem Familienfest als Fremder zu begegnen… Muss ich da wirklich mit?« »Wenn du jetzt den Schwanz einziehst, bin ich dir ernstlich böse, Jan van den Books.« Durchdringend sah sie ihm in die Augen. »Sie freuen sich darauf, dich als den Mann an meiner Seite kennen zulernen. Es ist nur ein Essen in der Fischerhütte. Das gemütliche Lokal am Hafen wird dir gefallen.« Jan lachte Eva an und drückte sie fest. »Dann habe ich wohl keine Wahl, will ich es mir mit dir nicht verscherzen. Wir bestellen uns zu sechs eine Taxe, das sollte passen.« Auf dem Weg zurück schlenderten sie an einem Spielplatz vorbei. Die Kleinen waren aufgeregt. Sie umschwärmten etwas, von dem nur zwei Stangen über den Köpfen der Kinder hervorlugten. Neugierig traten Jan und Eva näher heran. Ein freundlicher Mensch hatte den Zwergen für diesen Tag einen Schlitten hingestellt. Gezogen wurde der von Rudolf, dem Rentier mit der roten Nase. Die Kids streichelten und knuddelten das Tier. Ein besonders mutiger Knabe versuchte, auf den Rücken zu klettern. Einen Moment sahen sie dem lustigen Treiben zu, dann gingen sie lächelnd weiter, verzaubert von der schönen Idee. Der Taxifahrer stand pünktlich vor der Tür, sie abzuholen. Kaum aus dem Ort raus bog er ab auf den Dammweg. Zehn Kilometer geradeaus bis zum Ziel. Um diese späte Stunde an solch einem Tag waren sie die Einzigen auf dem Weg. Die Beiden saßen turtelnd auf der Rückbank. Auf halber Strecke stotterte der Motor des Wagens, der bockte noch zweimal und blieb stehen. Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Irgendwas kaputt«, raunte er sich in den Bart. Dann rief er über Funk die Zentrale an. »Heute, um die Uhrzeit? Da draußen, das dauert. Macht euch auf eine lange Nacht gefasst. Hast du Decken dabei?« »Sie haben es gehört, das kann dauern.« Entschuldigend sah er sie an. Eva kramte ihr Smartphone aus der Tasche. »Verflixt, kein Empfang. Die Eltern sollen nicht auf uns warten.« Jan sah sich um. »Da vorne, nicht weit weg, ist ein kleines Haus. Da ist Licht in den Fenstern. Lass uns versuchen, von dort zu telefonieren.« Beide stiegen aus dem Auto und machten sich auf den Weg. Im diffusen Mondlicht war zu sehen, dass Rauch aus dem Schornstein aufstieg. »Nur ein Anruf, wir wollen die Leute nicht beim Fest stören«, meinte Jan. Arm in Arm stapften sie durch den Schnee auf das Anwesen zu. An der Tür angekommen, suchten sie vergeblich nach einer Klingel. Eva verlor die Geduld und klopfte laut. Eine gebückt gehende alte Frau öffnete kurz darauf. »Oh, Frömm. Moije Wiehnachten. Kümmt in, buten is dat koolt. Streift euch bitte vorher die Schuhe ab. Der kleine Ofen schafft das ganze Haus nicht.« Eilig schloss sie hinter ihnen die Tür. »Jacken da aufhängen, und dann rinn in die gute Stube. »Oh Minchen, Gäste! Stell noch zwei Teller auf den Tisch.« Ein alter Mann in Fischerkleidung erhob sich, um ihnen die Hand zu geben. Jan druckste verlegen. »Wir wollten nur nach einem Telefon fragen. Hier hat das Handy keinen Empfang«. »Dieser moderne Kram.« Mit einer einladenden Handbewegung zeigte er auf ein grünes Monstrum mit Wählscheibe. Das hatte Eva schon lange nicht mehr gesehen. Sie wählte die Nummer ihrer Eltern, erklärte, warum sie heute nicht kommen konnten und legte dann schmunzeln auf. »Morgen sind sie bei uns«, meinte sie zwinkernd zu Jan. »Sie wollen dich kennen lernen.« »Setzt euch, Lüüd. Gleich steht das Essen auf dem Tisch. Minchen kocht immer zu viel. Ihr seid eingeladen.« Es gab ein Fischgericht, die beiden Alten erzählten von ihrem Leben als Fischer. Glückliche Zeiten hatten sie hier erlebt. Jetzt verbrachten sie die letzten Jahre in ihrem Häuschen und freuten sich auf jeden neuen Tag. Im Hintergrund stand ein kleiner Weihnachtsbaum, geschmückt mit Äpfeln und anderen Dingen, die Jan an die Kindheit erinnerten. An ihm brannten richtige Kerzen. Darunter lagen keine Päckchen. Jan sah fragend zu dem alten Fischer. »Bei uns fällt die Bescherung aus, wir sind uns Geschenk genug. Das werdet ihr auch bald verstehen, wenn ich euch so ansehe.« Schmunzelnd blickte der Jan und Eva an. Es klopfte an der Tür. Der Taxifahrer stand davor. »Mein Kollege ist mit dem Ersatzfahrzeug da. Sie können weiterfahren.« Sie verabschiedeten sich von den netten Gastgebern, wurden gedrückt und ein freundliches Winken begleitete sie auf dem Weg zur Straße. Auf dem Rücksitz sagte Jan zum Fahrer: «Bitte zu unserer Unterkunft.« Dann nahm er Eva in den Arm und gab ihr einen langen Kuss. »Das war ein wunderschöner Heiligabend mit dir.«
Am Abend kam ich in der großen Stadt an und betrat gegen neun die Hotel-Lobby. Die Dame an der Rezeption war scheinbar zu Scherzen aufgelegt.
»Benötigen Sie einen Internet-Zugang?«
»Gerne, ist der kostenpflichtig?«
»Ja, der kostet …« Sie sah mich prüfend an, schaute auf den Monitor, dabei raunte sie … »Nichts!«
Ich musste lächeln. Eine attraktive Person, genau in meinem Alter.
»Dann nehme ich den.«
Sie legte mir strahlend den Zimmerschlüssel und einen Zettel mit den Zugangsdaten auf den Tresen.
»Der Aufzug ist dort hinten links. Sie müssen in den vierten Stock.«
»Danke,« antwortete ich immer noch etwas verwirrt und betrat wenig später mein Zimmer.
Messen teile ich mir in zwei Blöcke. In den aktiven, spannenden Part der Begegnungen, Gespräche tagsüber. Dann die langweiligen Fernsehabende im Hotel.
Ich schlenderte, nachdem ich die Sachen eingeräumt hatte, nach unten, um eine Zigarette zu rauchen.
Auf dem Weg zurück hörte ich von der Rezeption tatsächlich ein »Schlafen Sie gut!«
Der Samstag auf der Messe begann wunderbar. Ich traf Kolleginnen auf einen Kaffee, wir plauderten und ich erkundete die Stände. Einige FB-Freundinnen wollten mich persönlich kennen lernen.
Am Ende des Messetages trieb mich der Hunger in ein italienisches Restaurant. Es lag auf dem Weg zum Hotel und sah einladend aus.
Pünktlich zum Beginn der Bundesliga war ich auf dem Zimmer. Danach gab es noch einen Wilsberg. Kurz vor zehn dachte ich an meine Bettruhe, doch zuerst die Sucht befriedigen.
Also runter auf eine Zigarette vor die Tür. Ich beeilte mich, denn es war frisch und ich hatte die Jacke oben liegen lassen.
Wieder drin ging ich zur Rezeption. Als Schlummertrunk wollte ich mir etwas mit aufs Zimmer nehmen.
»Ein Bier zum Mitnehmen«, sagte ich zu dem älteren Herrn der Nachtschicht.
Ich schnappte mir die Flasche vom Tresen und schlenderte Richtung Aufzug, als ich hinter der Wand eine Stimme vernahm.
»Herr Hansen!«
Ich blieb stehen. »Ja?«
Eine Tür ging auf, und die Dame vom Empfang stand vor mir. Beschwörend hob sie den Zeigefinger an die Lippen. »Psst, nichts dem da sagen! Sie zeigte zur Rezeption. »Ich habe noch was vor, hätten Sie Lust?«
Im Kopf liefen mehrere Filme gleichzeitig ab. Ich runzelte die Stirn, sah in ihre wunderbaren Augen und musste lächeln. »Kommt drauf an, was sie vorhaben.«
»Ich will jetzt zum Bauchtanz, möchten sie mich begleiten?«
Da brauchte ich nicht lange nachzudenken. Ein aufregender Abend in der Stadt war besser, als alleine im Bett zu liegen.
»Aber gerne, ich muss mir nur meine Jacke aus dem Zimmer holen.«
»Ich warte draußen vor der Tür«.
Ich zwinkerte ihr zu und eilte nach oben.
Sie lief durch verwinkelte Straßen und ich zweifelte, ob ich das Hotel ohne Hilfe wiederfinden würde. »Wo gehen wir hin? Was hat es mit dem Bauchtanz zu bedeuten?«
»Ich muss ins Scheherazade, will mich da als Tänzerin vorstellen. Wissen Sie, ich tanze schon lange. Heute treffe ich da den Boss, wenn Sie mit mir den Abend verbringen, können wir doch auch Du zueinander sagen. Ich heiße Hannah.«
»Gerne, mein Name ist David.«
Sie kam näher heran und hakte ihren Arm bei mir ein. »Und Du triffst da den Besitzer? Kennst du den?«
»Nein, ich habe gehört, dass er jetzt im Laden ist. Komm, wir sind gleich da.«
Wir bogen um die Ecke und ich sah den verschnörkelten Schriftzug vor mir. Eine breite Treppe führte zum Eingang, auf der Besucher darauf warteten, eingelassen zu werden. Vor der Tür hatte sich ein Bär von Mann aufgebaut.
Zielstrebig eilte Hannah auf ihn zu und zog mich dabei hinterher.
»Wir sind hier mit dem Chef verabredet«, hörte ich sie sagen.
Der Riese zuckte mit den Schultern und schüttelte leicht den Kopf. »Kein Tisch frei, tut mir Leid«. Er betrachtete uns prüfend.
»Oder seid ihr mit einem Stehplatz an der Bar zufrieden?«
Ich nickte ihm zu. »Ein Stehplatz ist in Ordnung.«
Mit einer einladenden Geste ließ er uns hinein. »Dann einen schönen Abend bei uns.«
Eine Welle ungewohnter Tonfolgen schlug uns entgegen. Klänge, wie ich sie mir aus Tausend und Eine Nacht vorstellen konnte. Der Raum war riesig, und alle Tische waren besetzt. Die Blicke der Gäste richteten sich auf eine kleine Bühne vor der Tanzfläche, auf der eine Bauchtänzerin ihr Können zeigte.
Hannah schien ebenso fasziniert wie ängstlich zu sein, sie suchte scheinbar Zum Schutz meine Nähe.
»Sollen wir wieder gehen, oder nehmen wir uns einen Platz an der Bar?« Ich sah in die verträumten Augen und stupste mit dem Finger die Nasenspitze dazwischen an. »Hast Du Angst vor deiner eigenen Courage?« Mein Arm legte sich wie von Geisterhand geführt um die Schultern neben mir und ihr Körper ging auf Tuchfühlung.
Getragen von den Wellen der ungewohnten Melodie führte ich Hannah zu einem Stehtisch in der Nähe der Bar. Ich half ihr aus der Jacke und hängte die an die Garderobe.
»Was möchtest Du trinken?«
Sie nahm zärtlich meine Hand und schaute mich an. »Ich bin so aufgeregt, einen Wodka bitte.«
Während wir auf die Getränke warteten, erzählten wir uns gegenseitig von uns.
Schließlich trat der Wirt an den Tisch, dem sie sich vorstellte. Sie gab ihm ihre Kontaktdaten und vereinbarte einen Termin zum Vortanzen.
Endlich sah ich ein entspanntes Lächeln. Hannah umarmte mich, »Du hast mir Glück gebracht«, flüsterte sie mir ins Ohr.
Die Musik wurde orientalisch schön, und die Tanzfläche füllte sich.
»Darf ich bitten«? Ich hielt ihr galant meine Hand entgegen. Wir versanken in den bezaubernden Melodien. Es war einmalig und jede Berührung erzeugte eine Gänsehaut.
Erst ein Blick zur Uhr beendete den Moment.
»Wir müssen gehen, die letzte Bahn fährt gleich.«
Arm in Arm tanzten wir den Weg zum Hotel, so kam es mir jedenfalls vor. Dort blieben wir stehen. Wir umarmten und küssten uns mit wachsender Leidenschaft.
»Lass uns den Hintereingang nehmen, da sieht uns keiner«, flüsterte sie mir verführerisch zu.
Der Fahrstuhl öffnete mit einem leisen Pling die Tür. Erwartungsvoll folgte ich ihr und er fuhr uns himmlischen Momenten entgegen.
Heute gibt es eine neue Geschichte, zum Lesen und für die, die lieber zuhören, auch erzählt.
Wir haben uns Mühe gegeben.
Ich kuschelte noch an seinem Hals, als er grummelnd den Arm unter der Decke hervor zog, und in der Luft herumtastend nach der Stehlampe suchte. War das wirklich schon der Morgen, wir hatten uns doch gerade erst schlafen gelegt?
»Sansibär, grrk, wir müssen aufstehen. Der Abend war gestern zu lang.«
Ich blinzelte, schaute mich um. Das Hotelzimmer, die Mädels, mir wurde übel bei dem Gedanken. Bei meinem Anblick aufschreiende Weiber sind nicht das, was ich mir wünsche!
Spät ins Bett, klar, wenn der Depp vor dem Rechner hängt, Geschichten schreibt und zwischendurch immer auf Facebook mit Frauen flirtet!
»Ich gehe mal ins Bad.« Er stand auf und schlurfte zum Waschbecken.
Unauffällig folgte … quatsch, das ist ja kein Krimi. Ich lief hinterher und sah, dass er vor dem Spiegel seine Tränensäcke massierte. Dann sprühte er sich aus einer Dose so ein stinkendes Zeug unter die Arme. Ihh gitt! Deodorant nannten die Menschen das. Warum benutzten sie das, und verpesteten damit die Luft?
»Ich geh mal einen Kaffee holen.«
Er sah immer noch nicht frisch aus. Nun ja, ein alter Mann!
Mit der Kaffeekanne in der Hand und einem strahlenden Lächeln im Gesicht kam er zurück. Erholen sich die beim Gang zur Rezeption?
»He kleiner, die Sonne scheint. Das wird ein toller Tag! Schon aufgeregt?«
»Nein, warum sollte ich? Du willst mich ein paar Autorinnen vorstellen. Die sind bestimmt erfreut, eine Ratte zu treffen. Das ist ja nichts besonderes! Das steht ja draußen auf dem Blechschild, Ungeziefer als Zuhörer erwünscht!«
»Nun mach mal halblang, du bist kein Ungeziefer, sondern mein Freund! Bald auch der von ihnen, glaub mir!«
»Trink deinen Kaffee! Lass uns ins Ungewisse aufbrechen!«
Er überprüfte seine Tasche. »Fotoapparat, Filmkamera, schwarzes Buch, Stifte, alles drin«, murmelte er vor sich hin.
Im Auto klappte er zuerst die Sonnenblende herunter. »Die blendet mich«, meinte er. Heute fuhr er direkt zum Kino. Vor der Tür standen zwei Frauen und rauchten. Ich kroch tief in mein Versteck. Er hatte wirklich den Schal umgelegt. Kuschelig war es hier.
Drinnen angekommen, setzte er sich in die erste Reihe und baute den Fotoapparat auf. Auf den langen Tischreihen lagen Karten und kleine Hefte.
»Was sind das für Sachen«, fragte ich neugierig.
»Das sind Autogrammkarten und Leseproben. Die Gäste wollen was mitnehmen. Das ist eine Lebensweisheit für Autorinnen. Gib den Besuchern was Besonderes mit für zu Hause.«
Eine der Leseratten, die als Zuhörer im Saal saßen, schaute irritiert zu mir. Sagte zwar nichts, aber eilte zu ihren Freundinnen, tuschelt aufgeregt und lugte immer wieder zu uns rüber.
Ich hielt mich lieber versteckt. Das hier würde wohl zu einem Hörspiel werden.
Eine Andere ging mit einem bunten Buch nach vorne. »Schreibt ihr mir was ins Autoren-Poesiealbum?«
»Aber gerne doch, du bekommst auch ein Originalautogramm. Das Stempelkissen haben wir daheim gelassen. Wie heißt du denn?«
»Eusebia! Oma, der Namensgeber, fand den toll, hat mir meine Mutter erzählt.«
»Das ist ein schöner Name, ich wollte die Pandabärin in der Geschichte zuerst so nennen. Dann gefiel mir Weißauge doch besser!«
»Das waren so viele Worte, die ich nicht verstand. Da hatte er mir nachher einiges zu erklären.«
Jetzt begann die Vorstellung. Die Autorinnen lasen aus ihren Büchern. Ich hörte gespannt zu. Immer wieder wurde an besonders lustigen Stellen gelacht. Den Zuhörern machte es, Spaß, das war klar. Eine erzählte von einem Surfergirl. Surfen kannte ich nur aus dem Netz! Lebte die online? Nein, Meer, Wasser und Strand! Das musste was anderes sein. Puuh, das mag ich nicht.
Am Ende gab es ein großes Durcheinander. Sie verkauften ihre Bücher und schrieben nette Worte hinein.
Als alle Besucher gegangen waren, räumten sie auf. Mein Boss half mit, so gut es ging.
»Gehen wir noch einen Kaffee trinken?« Die Frau, die das hier organisiert hatte, schaute fragend in die Runde.
»Unser Zug fährt erst in zwei Stunden. Kommst du mit?«
Er grummelte etwas vor sich hin.
»Warum trägst du eigentlich diesen Schal?«
Ich machte mich ganz klein, bereit, in seinem Hemd zu verschwinden.
»Da verbirgt sich mein Freund vor euren Blicken. Er möchte nicht, dass ihr anfangt zu schreien.«
»Eine Spinne?«
»Nein,keine Spinne. Zeig dich, Sansibär.«
Ich streckte die Nase heraus und schaute mich um.
»Och, ist der süß!«
»Kann ich den streicheln?«
»Da fragt ihn ihn am besten selbst.«